Qingdao - mit allen Sinnen
Sonntag, 6. Mai 2012
SEHEN: Ich m-blogge, also bin ich
Was für den Westen Twitter ist, ist für China Sina Weibo 微博. Weibo bedeutet Mikroblog, aber was ist das Verb zu Weibo in "Chinadeutsch"? Mikrobloggen, weiboen oder m-bloggen? Darüber wird unter den Deutschsprachigen im Weibo viel diskutiert. Ich finde "m-bloggen" am besten. Ich m-blogge, also bin ich.

Tatsächlich habe ich mich mit Weibo in letzter Zeit viel beschäftigt. Vielleicht auch zu viel. Aber wer sich mit China beschäftigen will, kommt um Weibo nicht herum. Weibo erfüllt in China ganz andere Funktionen als Twitter im Westen. In China lässt die Mittelschicht dort ihren ganzen Frust raus, zum Beispiel über die Baumbessenheit des Bürgermeisters von Qingdao (die immer noch anhält). Weibo ist vielleicht der einzige Ort, an dem das (noch) möglich ist. Und es bietet Alternativen zu den offiziellen Medien als Quelle für Informationen. Wie vertrauenswürdig diese alternativen Quellen sind, weiß naürlich niemand.

Videos verlinken, Fotos hochladen, mit einem Klick einen Eintrag weiterleiten - Weibo ist sehr dynamisch und die Weiboisten sehr kreativ, das macht es so interessant. Bestimmte Wörter werden natürlich gefiltert und der Eintrag wird automatisch - pling!- von der Weibo-Seite gelöscht. Deswegen heißt zum Beispiel Bo Xilai im Internet Xi Laibo.

Vor ein paar Wochen wurde entdeckt, dass in einer Fabik in China Kapseln aus Schuhleim hergestellt wurden. Hier habe ich einen Cartoon zu diesem Fall angehängt, der im Weibo-Raum herumschwebt.

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Donnerstag, 12. April 2012
SEHEN: Grün, grün, grün sind alle meine Bäume
Was braucht die überaus grüne Stadt Qingdao, deren Name übersetzt "grüne Insel" bedeutet, wohl am dringendsten? Genau: Bäume! Das denkt jedenfalls Qingdaos neuer Bürgermeister Zhang Xinqi und pflanzt kurz nach Amtsantritt tausende Bäume und Pflanzen.

Herr Zhang mag aber nur Bäume - die Blumenbeete, hübsch eingerahmt von weißen, niedrigen Zäunen, die erst letztes Jahr in den Gehwegen eingelassen wurden, lässt er einfach ausreißen. Jetzt sind die Straßen mit hüfthohen Pflanzen gesäumt.



Auch Grasflächen mag er nicht so gerne. Die werden jetzt umgegraben, damit es mehr Platz gibt für - Bäume... . Allerdings bekommt nur der Südbezirk am Meer diese kosmetische Operation und leidet wegen der zur obersten Prioritöt erklärten Turbo-Bepflanzung unter Staus. Die anderen Viertel wie Taidong, der Nordbezirk, Sifang und Licang, die nicht mal halb so grün sind wie der Südbezirk es schon vor der grünen Invasion war, sind noch unberührt von Herrn Zhangs grünen Daumen. Ob sie es bleiben werden, ist unbekannt.

Alle anderen denken übrigens nicht ganz so wie Herr Zhang. Natürlich mögen die Qingdaonesen Bäume, aber sie mögen auch Gras und Blumen. Leider haben sie nichts zu sagen und lassen ihren Frust im Internet aus. Über die Kosten des Kosmetikprojekts wird dort viel gemunkelt. Das Gerücht geht um, dass die Familie von Herrn Zhang wohl im Pflanzenbusiness sei. Offizielle Nachrichten gibt es zu dem ganzen Thema nicht.

Vor zwei Tagen waren die Bürger in einem Viertel der riesigen südwestlichen Stadt Chongqing sehr wütend und sind auf die Straße gegangen. Sehr viele Polizisten waren auch auf der Straße. Bilder von jenem Abend gibt es im Internet. Informationen dagegen nur wenige, schon gar keine offiziellen.

Vielleicht war deren Bürgermeister auch so ein Baumliebhaber.

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Sonntag, 11. März 2012
SCHMECKEN: Zarter Tintenfisch mit Lauchzwiebeln
Das Gute an einer Stadt am Meer: es gibt Meeresfrüchte in Hülle und Fülle!

Heute machen wir mal was richtig Schönes: Tintenfische entdärmen! Was gibt es Angenehmeres? Um das zarte Tintenfischfleisch kosten zu können, bin ich bereit, dem Tintenfisch geradewegs in seine glubschigen Augen zu sehen.

Hier das Rezept von Mr.X für "zarte Tintenfische mit Lauchzwiebeln" (油泼比管鱼):

Etwa zehn - möglichst frische - Tintenfische kaufen und in eine Schlüssel legen. (In deutschen Asienmärkten gibt es tiefgefrorene.)



Tintenfisch-Kopf vom Tintenfisch-Rumpf manuell trennen. Den Rumpf mit einer Schere an einer Seite aufschneiden und die glibbernden Innereien entfernen. Den noch am Kopf hängenden Tintenbeutel abreißen.



Köpfe und weißes Fleisch waschen. Alles kurz in heißem Wasser kochen.

Dann Lauchzwiebeln in kurze Stifte schneiden.



Eine Handvoll Chilischoten im Wok kurz in Öl anbraten, in eine Schlüssel mit Sojasauce (Premium Sojasauce) geben, mischen und über das Gericht gießen.

Fertig sind die hauchzarten Tintenfische mit Lauchzwiebeln! Guten Appetit! Man man chi! 慢慢吃!

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Donnerstag, 23. Februar 2012
HÖREN: Möge Euch der Drachen stets lachen!
Genau einen Monat ist das neue Jahr des Drachen jetzt alt - in der Nacht vom 22. auf den 23. Janaur wurde das Jahr des Drachen mit lauten Krachern und funkelndem Feuerwerk eingeläutet. In den Tagen davor - und in der Woche danach - wurde mindestens genau so viel maschinenpistolenartig geböllert wie in der Silvesternacht. Jeder Ladenbesitzer feuerte vor seinem Laden die Knallerketten ab, um im nächsten Jahr viel Glück - das heißt natürlich Geld - zu bekommen.



Genauso wichtig wie das Böllern: das Essen. Jiaozi, die halbmondförmigen, gefüllten Teigtaschen, in Handarbeit hergestellt, gedämpft und dutzendfach verdrückt. Lecker.



Am Neujahrstag saßen wir aber nicht gemütlich zu Hause, sondern haben die vorübergehend kostenlosen Autobahnen genutzt, um eine Spritztour mit dem Auto durch die halbe Provinz zu machen: über vier Stunden Fahrt bis nach Qufu, der Heimatstadt des Kongzi (Konfuzius). Dort steht das Anwesen und der Wald der Familie Kong, sowie ein großer Konfuziustempel. Leider war die Atmosphäre sehr steril. Kein Wunder: dies alles wurde posthum erbaut, als der Weise schon längst unter der Erde lag.

Das Beste auf dem Ausflug war natürlich: das Essen. Auf dem Rückweg luden uns in der Stadt Jining, ganz in der Nähe von Qufu, Freunde zum köstlichen Essen ein.



Es hat tatsächlich ganz anders geschmeckt als in Qingdao. Einige Gerichte, wie zum Beispiel der seidenzarte Ying-Yang-Tofu mit scharfer Sauce auf der einen und Hackfleischsauce auf der anderen Seite haben bestimmt auch Konfuzius gemundet.

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Sonntag, 15. Januar 2012
SCHMECKEN: Tage des Eischnees
Neues Jahr, neue Vorsätze. Lieblingsvorsatz bei vielen: abnehmen! Runter mit den Pfunden! Passend dazu berichte ich heute über süße Sünden.

Da sagt noch einer, Chinesen wären keine Naschkatzen: Bäckereien gibt es an jeder Ecke, wo Leckermäuler sich mit knusprigen "Schmetterlingen", Blaubeerkuchen, gefüllten Windbeuteln, Honigkuchenschnitten , „Weibskeksen“ (laopobing) und „Männerplätzchen“ (laogongbing) eindecken können. Innerhalb von einer Stunde bekommt man dort auch eine frischgebackene Geburtstagstorte: kokosweiß, schokoladenbraun, lila oder bunt. Oft kann man sogar selbst beobachten, wie der Tortenmeister seine Künste zelebriert: das Foto unten habe ich 2004 in Henan aufgenommen.



Da fast niemand einen Backofen hat (und wenn, dann nur einen kleinen Mikrowellartigen), bestellt man die obligatorische Geburtstagstorte in einer Bäckerei. Eischnee und Biskuitteig sind die unverzichtbare Basis für das Innere. Während das Innere recht konservativ bleibt, bietet die Hülle umso mehr Varietäten: Für das Äußere kann man nach Belieben zwischen Obstbelag, Zitronenguss, Schokoraspeln etc. wählen. Eine 12 Zoll große Torte kostet 130 Yuan, etwa 15 Euro. Als krönender Abschluss kommt obendrauf ein Schokoladenplättchen, verziert mit den Zuckerguss- Glückwünschen an das shouxing 寿星, das Geburtstagskind. Beim Abholen der Torte to go gibt es zum tragfertigen Karton eine kleine Tüte mit allem, was man zum unmittelbaren Feiern und Verzehren braucht: Kerzen, Pappteller, Kuchenmesser und natürlich eine Krone aus Pappe. Als Mr. X die Torte an Silvester abgeholt hat, hat er die Verkäuferin um drei Kronen gebeten: für mich, seine Mutter und seinen Vater, da wir - was für ein Zufall! -am gleichen Tag Geburtstag haben. Hier ist das Prachstück:



Kurze Zeit später kaufte in der gleichen Bäckerei eine Frau auch eine Torte - und wollte auch drei Pappkronen haben. Die Verkäuferin war bass erstaunt und sagte, dass ein junger Mann auch gerade um drei Kronen gebeten hätte. Die Frau fragte, wie der junge Mann denn ausgesehen habe. Der junge Mann war natürlich Mr. X - und die Frau mit der Torte war Mr. Xens Mutter... .

Zwei Geburtstagstorten. Die zweite Torte haben wir dann am 1. Januar verdrückt - und nochmal Geburstag gefeiert mit insgsamt 6 Geburtstagskindern in der Verwandschaft, die im Dezember und Anfang Januar Geburtstag haben. Tage des Eischnees.

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Sonntag, 8. Januar 2012
SEHEN: Auf dem Markt
Tausende von Farben und Formen, Gerüchen und Geräuschen – mit allen Sinnen kann man Qingdao am besten auf einem Markt erleben. Alles kann man kaufen: duftende Kastanien, süßen Kuchen, knusprige Schweinefüße, weiße Yams-Wurzeln, Wasser spritzende Muscheln, lebende Tintenfische, frische Mantou in Dampfkörben (siehe unten).



Und von Märkten gibt es nicht wenige: Unser kleiner Jinmaiyuan-Markt. Der große Markt im geschäftigen Taidong-Viertel, wo wir Meeresfrüchte für den „Feuertopf“ kaufen und wo ich auf Zehenspitzen gehen muss, weil der Boden so glitschig ist.



Der Markt neben der katholischen Kirche, der sich eng an den Hang schmiegt und wo es freitags frisches Nan - Fladenbrot gibt: Jeder Markt hat seinen eigenen Charakter, sein eigenes Leben, seine ganz besonderen Menschen.

Auf dem kleinen Jinmaiyuan-Markt besucht Mr. X fast jeden Tag die Gemüsefrau, den Tofu-Onkel und die Schweinfleisch-Tante. Auf dem Markt gibt es nur einen Tofu-Onkel und eine Schweinfleisch-Tante. Aber viele Gemüsefrauen. Als Mr. X das erste Mal auf dem Markt war, ist er an den meisten Gemüseständen unentschlossen vorbeigestreift. Eine Gemüsefrau lächelte ihn plötzlich an und begrüßte ihn mit einem unaufdringlichen "Lai le". Seitdem geht Mr. X jedes Mal zu dieser Gemüsefrau und kauft kleine Gurken, Ingwer, Tomaten, grünen Rettich und anderes Gemüse.



Unsere Gemüsefrau ist jeden Tag dort an ihrem Stand, zusammen mit ihrem Mann, mindestens von neun bis neunzehn Uhr, von montags bis sonntags. Sie kommt aus einem Dorf und muss um die fünfzig Jahre alt sein. Wenn sie geistesabwesend in die Ferne blickt, sieht sie traurig aus. Sie hat zwei Söhne, 26 und 23. Zu viert wohnen sie in einem Zimmer, 12 Quadratmeter, für 80 Euro Miete im Monat. Sie beschweren sich über den hohen Preis. Sie fragt Mr. X und mich, wann wir Kinder haben wollen. Dann sagt sie, wir sollten bloß nicht so jung Kinder bekommen, sondern lieber das Leben genießen. Sie würde auch gerne das Leben genießen, aber das ginge nicht, weil ihre Söhne ja eine Wohnung bräuchten. Damit sie irgendwann mal heiraten können. Die Hälfte des Weges zur Erfüllung ihres Ziels haben sie schon geschafft – 10.000 Euro haben sie schon für eine 45 Quadratmeter-Wohnung in einem Vorort von Qingdao angezahlt, 25.000 Euro fehlen noch. Aber dann wäre da noch der jüngere Sohn… .

Und dann wäre da auch noch der kranke Neffe auf dem Land. Der braucht dringend Geld, um seine Krankenhauskosten zu begleichen. Die Gemüsefrau fragt uns, ob wir noch irgendwelche Hilfen oder Stiftungen kennen, die in diesem Fall helfen könnten. Das Rote Kreuz hätte dem kranken Neffen schon 1000 Euro gespendet, aber das Geld reiche hinten und vorne nicht… . Wir geben ihr den Tipp, es mit dem Fernsehen zu versuchen. Es gibt Sendungen, die extra für solche Fälle Geld sammeln. Sie sagt, sie hätte da schon angerufen, aber die nehmen nur Waisen.

Ein Ende der Plackerei ist nicht abzusehen für sie und ihren Mann. Träume können sie sich nicht leisten. Nur den Traum, dass ihre Söhne es einmal besser haben werden als sie selbst.

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Samstag, 12. November 2011
SEHEN: Die Halloween-Katze
Alle acht Wochen ist es wieder so weit – ein Kursabschnitt ist zu Ende. Viele Kurse haben sich regelrecht ineinander verliebt (manchmal auch buchstäblich: in einem A1-Kurs haben sich mal drei Paare gefunden), die Teilnehmer gehen ganz liebevoll miteinander um, teilen ihre Kekse, ihr Sushi, ihre Hausaufgaben. Acht Wochen lang fünf Tage fünf Stunden gegenseitige Daueroffenbarung hat sie zusammengeschweißt. Unser kommunikativer Unterricht ist wie eine Art Gesprächstherapie, in der man permanent den anderen etwas von sich selbst preisgeben muss: Was sind deine Hobbies? Wie sieht dein Traummann aus? Wohin willst du reisen? Diese Art von Fremdsprachenunterricht war den meisten vorher unbekannt - und hinterlässt in der Regel einen tiefen Eindruck.

Alle acht Wochen heißt es wieder – Abschlussfeier. Lehrer und Teilnehmer sitzen einen Abend lang zusammen und feiern.



Meistens verbinden wir das auch noch mit einem bestimmten Thema, wie Ostern, Weihnachten, Sommer... .Zur Einstimmung machen ich und unsere Büroassistentin dann eine kleine Präsentation, thematisch passend, zum Beispiel erklären wir, was FKK ist. Danach präsentiert jeder Kurs ein deutsches Gedicht, ein Lied oder ein kleines Theaterstück, das zuvor im Kurs einstudiert wurde.

Diesmal war das Thema "Herbst" und unser Raum geschmückt mit etwas Halloween-Deko. Der B1.1 Kurs hat ein selbst geschriebenes Theaterstück aufgeführt. In schon recht fließendem Deutsch haben die Teilnehmer einen Werbespot für ein Medikament für Geschlechtsumwandlung präsentiert. Sehr lustig, sehr beeindruckend.



Ein Gast durfte auch nicht fehlen: die Halloween-Katze, siehe unten.



Schon letzes Jahr, bei unserer großen Halloween-Party, ist sie mauzend um Essen bettelnd zu uns reingekommen. Ohne Angst vor den blutbespritzten Wänden und abgehackten Händen. Furchtlos - wie der gestiefelte Kater. Danach ist sie ein Jahr lang nicht mehr zu uns reingekommen - bis jetzt.

Nächstes Jahr machen wir dann wieder eine große Halloween-Party, natürlich mit der Halloween-Katze.



PS. Ich weiß, ich wollte ja über chinesisches Essen schreiben...das werde ich auch noch machen...im Moment arbeite ich sehr viel und habe keine Muße für den aufreibenden Kochprozess...und dann gibt es ja noch so viel anderes Interessantes...aber bald, ja bald werde ich mal wieder wieder ein Gericht in seine Bestandteile zerlegen oder andersrum: die Bestandteile in ein Gericht zusammenschweißen. Nächstes Mal erzähle ich Euch dann von unserer Gemüsefrau – das hat ja was mit Essen zu tun… im weitesten Sinne.

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